Freitag, 6. Dezember 2013

Hoffenheim – ein Dorf zum Vergessen


Der große SV Werder zu Gast im kleinen Hoffenheim. Das ist uns wieder mal eine Fahrt wert gewesen. Letztes Jahr gab es bei starkem Schneefall einen wundervollen 1:4 Auswärtssieg, dazu drei Tore von Marko Arnautovic. Ich kann mich erinnern, dass wir nach diesem Spiel alle davon ausgingen, des Österreichers Knoten wäre endlich geplatzt. Dieses Jahr gab es wieder vier Tore unserer Équipe. Leider auch vier Gegentore. Ein völlig beklopptes Fußballspiel, ein neuer Mann im Tor und: Wie unwahrscheinlich ist eigentlich ein Punkt gegen Bayern?

Auswärtsfahrten in die entlegensten Regionen des Landes sind normalerweise mit schrillem Weckergebrüll um drei Uhr in der Frühe verbunden. Die Augen wollen nicht auf, die Beine den Körper nicht in die Höhe stemmen und an ein gemütliches zum Bahnhof schlendern ist bei den Temperaturen draußen auch nicht zu denken. Eigentlich. Fahrten wie die nach Saarbrücken zollten jedoch ihren Tribut und so haben wir uns für Hoffenheim geschworen, mit dem Auto zu fahren. Alle wollten mit, drum liehen wir einen 9-Sitzer und um halb neun konnte die wilde Fahrt beginnen. Kurzer Zwischenstopp in Göttingen, den letzten Wahnsinnigen eingeladen und die süffisante Tour nahm ihren Lauf.

557 Kilometer nachdem wir in Bremen losfuhren, waren wir endlich da. Sinsheim, Rhein-Neckar-Arena. Hier, wo ein ganz düsteres Stück deutscher Fußballgeschichte seine Zelte aufgeschlagen hat, soll Werder heute drei Punkte einfahren. Letztes Jahr hat das ja ganz gut geklappt, da lag allerdings auch Schnee. Tippmäßig war von der Packung bis zum Kantersieg wieder einmal alles dabei. Zu Hause erntete ich lautstarkes Gelächter, als ich von einem 4:5 Auswärtssieg sprach. Wer konnte schon im Vorfeld der Partie ahnen, welche Dramaturgie sich hier noch entwickeln sollte. Im beschaulichen Sinsheim. 

Dass es kein gewöhnliches Spiel werden würde, war schon beim Einlauf der Torhüter zu sehen. Nicht Mielitz, sondern Raphael Wolf war heute die Nummer eins. Was für ein Schlag in Mieles Gesicht. Erst erfährt er wochenlange Rückendeckung von Robin Dutt, dann setzt selbiger ihn auf die Bank. „Zur Selbstreflektion“. Was für ein Blödsinn und in meinen Augen sehr kontraproduktiv. Es war klar: Sollte Wolf einen richtig guten Tag haben und die Sagenumwobenen „unhaltbare Bälle“ halten, würde ein Gewitter sondergleichen auf Mielitz niederprasseln. Würde Wolf patzen, wäre „Mielitz eben auch nicht besser“ gewesen. Willkommen in Bremen!
Abgesehen vom Torwart, gab es auf der Bremer Bank ein zweites "neues Gesicht" zu bewundern. Philipp Bargfrede, godfather of football, war nach überstandener Verletzungspause wieder mit dabei. Ich gebe zu, ich bin kein großer Fan seiner Fußballkunst. Nach vorne kommt da einfach zu wenig, wenn man ihn mal mit anderen Sechsern vergleicht. Momentan ist er mit seiner Klasse in der Defensive aber sicherlich eine Verstärkung, denn von Makiadi hätte ich persönlich mehr erwartet. Vielleicht hat da einfach die Konkurrenz gefehlt. Mit Bargfrede und Mielitz auf der Bank wurde das Heimspiel in Hoffenheim also angepfiffen. Abfahrt!

1. Halbzeit. Bitte nie wieder!

Dass Spiele zwischen Werder und Hoffenheim bisher immer recht brisant waren, weiß jeder. Dass Werder auch gerne mal die Anfangsphase verschläft: Bekannt. Dass Werder nach 18 (!!) Minuten durch zwei Foulelfmeter mit 0:2 hinten liegt, das ist neu. Zweimal verhalten sich unsere Abwehrspieler so dumm wie möglich und beide Male verwandelt Salihovic sicher vom Punkt. Tja, Startphase leicht misslungen und Debüt für Wolf auch nicht gerade vortrefflich.
Als dann alle dachten: Na, schlimmer kann’s nicht werden und es ist ja auch noch lange zu spielen, da kam Werder. Und Werder spielte. Und wie. Ja, wie denn? Ich glaube, es war die schlechteste erste Halbzeit, die ich in dieser Saison gesehen habe. Eine Torchance aus spitzem Winkel für Hunt – mehr sprang erst einmal nicht raus. Hoffenheim hingegen spielte ordentlich nach vorne. Schnelle, direkte Pässe ließen unsere Abwehrreihe ein ums andere Mal alt aussehen, ehe die eigenen Stürmer, schön einer nach dem anderen, scheiterten. Und was ist, wenn man die Dinger vorne nicht rein macht? Richtig, man bekommt sie hinten. Freistoß Hunt, Hand, Handelfmeter. Der dritte Strafstoß im Spiel bringt den Anschlusstreffer mit sich und plötzlich ging ein Ruck durch Gästeblock und Mannschaft. Hoffenheim drohte zu wanken. Das Tor kurz vor der Halbzeit war perfekt, um in Durchgang zwei das Spiel zu drehen. Denkste. Noch ein letzter Angriff vor der Halbzeit für grün-weiß. Hunt spielt den Ball von der Grundlinie durch die Beine des Hoffenheimer Torhüters (wer auch immer da gerade im Tor steht) und Elia schiebt die Pille ins Netz. 2:2. Wir drehen dann mal alle komplett am Rad. 

2. Halbzeit. Mehr davon!

In der zweiten Halbzeit haben wir von Werder endlich das gesehen, was wir jede Woche fordern, aber immer nur Häppchenweise geliefert bekommen: Großen Kampf. Gut, Werder musste sich erst wieder zwei Gegentore einfangen (4:2 in der 53. Minute), aber an eine Niederlage wollte keiner von uns glauben. Spätestens dann nicht mehr, als Petersen, der zur Halbzeit für Elia kam, in der 59. Minute den 3:4 Anschlusstreffer beisteuerte. Ich erinnere mich, dass ich kurz vor dem Tor ein lautes: „FRITZ, MACH BITTE EINMAL WAS RICHTIG!“ vernahm. Pass in den Rückraum, drin. Ziemlich richtig, oder?
Jetzt spielte eigentlich nur noch Werder. Der Ausgleich lag in der Luft und mein Träumchen vom 5:4 Auswärtssieg kam immer näher. Als Bargfrede 20 Minuten vor Schluss ins Spiel kam, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Wie oben geschrieben, halte ich ihn in der Offensive für nicht besonders stark und so sah es für mich so aus, als wolle Werder hinten dicht machen. Stellt sich nur die Frage nach dem Sinn, wenn man mit einem Tor hinten liegt. Als dann aber in der 91. Minute eben dieser offensiv-schwache Bargfrede aus 14 Metern per Vollspann ins Schwarze traf, war so ziemlich alles vergessen, was irgendwo in meinem Kopf umherschwirrte. Was für ein Comeback, was für ein Spiel, was für ein wichtiger Punkt. Kurz vor Schluss noch den Ausgleich erzielt und die Hoffenheimer Fußballliebhaber damit aus den schönsten Träumen gerissen. Als der Abpfiff ertönte, steuerten diese übrigens zum ersten Mal an diesem Tag etwas zur Stimmung im Stadion bei. Per Pfeifkonzert. Hut ab. 

Dass in Hoffenheim mehr drin gewesen wäre, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Wenn man nicht die Anfangsphasen der Halbzeiten verpennt und sich diese dummen Elfmeter spart, gibt’s drei Punkte statt einem. Klar, im Nachhinein muss man sehr zufrieden sein, dass man zweimal einen zwei Tore Rückstand aufholen konnte, aber mit Blick auf das Spiel gegen Bayern wäre ein Auswärtssieg sicher vorteilhaft gewesen. Denn mit dem Rekordmeister kommt keiner ins Weserstadion, der sich in dieser Saison als verschwenderisch im Umgang mit Punkten gezeigt hat. 32:7 Tore, 38 von 42 möglichen Punkten – die Bayern spielen eine wahnsinnig starke Saison. Auf dem Papier ist das Spiel am Samstag also schon entschieden. Aber auf dem Papier und auf dem Platz sind bekanntlich zwei verschiedene Paar Schuhe. Siehe Augsburg im Pokal gegen den FCB.
Die Augsburger haben sich sehr gut geschlagen im Achtelfinale. Auch für die gab es von vornherein nichts zu holen. Aber mit extrem viel Pressing und einer dicht gestaffelten Defensive haben sie die Bayern am Rande des Nervenzusammenbruchs gehabt. Wenn Werder genau so agiert und die Bazis früh unter Druck setzt, dann sehe ich durchaus eine Chance, dass 0:0 so lange wie möglich zu halten. Und am Ende brauchst du nur einen guten Konter, einen starken Moment oder eine kleine Unachtsamkeit des Gegners, um als strahlender Sieger auf dem Platz zu stehen. 
Klar, mir ist auch bewusst, dass die Bayern in einer anderen Liga spielen. Dass Ribery, Götze und wie sie nicht alle heißen den unseren einiges voraus haben. Dass sie schneller, stärker und sicherer Fußball spielen. Dass wir eigentlich keine Chance haben. Aber wenn Werder mit dieser Einstellung ins Spiel geht, wird es eine Packung. Die Mannschaft muss 90 Minuten lang Vollgas geben. Wenn einer nicht mehr kann – auswechseln. Wenn einer einen Fehlpass spielt, dann muss der nächste da sein und wenn nötig auch mal im Mittelfeld die Sense rausholen. Wenn Ribery meint, er könnte mit dem Ball auf dem Kopf durchs gesamte Mittelfeld stolzieren, dann muss da einer sein und dem mal richtig weh tun. So wie es Augsburg getan hat. Die haben keinen Zweikampf gescheut, haben den Bayern weh getan. Und wenn sich Sammer nachher ins ZDF-Studio stellt und jammert, die Bremer hätten ja mit System gegen den FC Hollywood gefoult und unfair gespielt, dann lasst ihn jammern. Aber ich will, dass wir unsere Jungs auf dem Platz Gras fressen sehen. Gegen Schalke hat es für eine Halbzeit gereicht, danach brachen die Spieler ein. Gegen Bayern muss es über 90 Minuten funktionieren. Und wenn am Ende doch zwei Dinger im eigenen Netz gelandet sind, dann wird wohl kein Bremer Zuschauer auf die Idee kommen und am Montag im Büro sagen: „Mein Gott, haben wir da Graupen auf dem Platz stehen.“ Zumindest dann nicht, wenn alle sehen konnten, wie sehr die Mannschaft die Überraschung wollte.

Also, warum nicht mal gegen den FC Bayern einen Punkt holen? Irgendwann werden die stolpern. Warum nicht in Bremen? Es sind schon viele große Teams in der Weser versenkt worden. Jetzt kommen die Championsleague-Sieger. Zerreißt sie.

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