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Freitag, 22. August 2014

Unnötiges Gebrumme



Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind.“
(Henry Ford)

Werder und das liebe Geld. Ein Thema, welches uns seit Jahren begleitet und so schnell auch nicht von uns ablassen wird. Einst hat sich Werder durch Champions League und Spielerverkäufe eine goldene Raute verdient. Da wurde dann in neue Spieler, saftige Gehälter und in einen Stadionumbau investiert. Das alles war schön und gut, wurde jedoch zum Problem, als der sportliche Erfolg ausblieb. Man zahlte weiterhin überhöhte Gehälter, verkaufte die einst teuren Spieler zum Sondertarif und bezahlt das Stadion wahrscheinlich noch heute ab. Jeder Werderfan ist sich dessen bewusst. Seit Jahren sollten wir alle wissen, dass Werder auf kurz oder lang keine großen Dinger drehen wird, was neue Spieler angeht. Die Reaktionen nach der Aufsichtsratssitzung vom Mittwoch beweisen leider das Gegenteil.
Ja, Bryan Ruiz wäre eine tolle Verstärkung gewesen. Vielleicht wäre er der Knipser geworden, der uns seit Jahren fehlt. Ich würde lügen, würde ich meine Enttäuschung über das nicht Zustandekommen des Transfers leugnen. Dies scheine ich mit vielen anderen Werderfans zu teilen. Was ich jedoch nicht teile, ist die negative Stimmung gegenüber den Entscheidungsträgern und die Wut, die bei einigen aufkommt.
Um nicht selber wütend zu werden, hätte ich das Lesen einiger Kommentare am frühen Morgen vermeiden sollen. Unter einem bei Facebook geteilten BILD-Artikel schrieb doch tatsächlich jemand:“[…] der scheiß Lemke spart unseren Verein kaputt!“. Gepaart mit meinem Lieblingssatz der letzten Tage:“Man muss auch mal ein gewisses Risiko gehen, um Erfolg zu haben!“. Da startet man guter Dinge in den Tag, freut sich auf Strand und Korallen und dann so ein Gebrumme.

Fangen wir doch mal vorne an. Schreibender beschuldigt Lemke, den Verein kaputt zu sparen. Diese Aussage hört man in abgewandelter Form an jedem Stammtisch, wenn es darum geht, was Werder nicht alles für tolle Spieler hätte kaufen können, hätte Lemke doch nicht den Igel im Portemonnaie sitzen. Aber was genau macht der Herr Lemke denn? Ist es eventuell seine Aufgabe, die finanziellen Tätigkeiten des SV Werder zu überwachen? Hat er durch dieses Aufgabenfeld möglicherweise den allerbesten Überblick über das Bremische Finanzgefüge? Macht Willi Lemke momentan vielleicht mehr denn je einfach seinen Job?
Drehen wir den Spieß doch mal um: Was wäre, wenn Lemke zu jedem Vorhaben Ja und Amen sagen würde? Würdet ihr dann schreien, dass er den Verein in den Bankrott geführt hätte? Ich bin mir sicher, dass Tausende erbost auf und ab gerannt wären und geschimpft hätten, Lemke hätte auch mal „NEIN!“ sagen müssen. Was er übrigens lange Zeit nicht tat. Er willigte bei den Transfers von Carlos Alberto, Wesley, Arnautovic, Ekici oder Marcelo Moreno ein, ebnete den Weg für Allofs' größte Fehleinkäufe. Genau diese Spieler haben Millionenverluste für den Verein bedeutet. Verluste, mit denen Werder noch heute kämpft. Es ist doch nur logisch, dass Lemke die gleichen Fehler kein zweites Mal begehen will, dass er vorsichtiger geworden ist.
Sind wir mal alle ehrlich: Wir wissen doch um die finanzielle Lage unseres Vereins. Haben wir wirklich geglaubt, dass Werder vier Millionen Euro locker macht, die gar nicht vorhanden sind? Dass kein Spieler zugunsten von Ruiz gehen muss? Werder hebt sich doch gerade durch diese Vorsicht von anderen Vereinen ab, die vorschnell Spieler einkaufen, niemanden abgeben und dann plötzlich auf Hilfe von außen angewiesen sind.
Natürlich ist Lemke keiner, den man unbedingt lieben muss. Diesen Umstand beschert ihm allein seine Aufgabe im Verein. Derjenige, der die Kohlen zusammenhalten will, ist immer auch der, der unangenehme Entscheidungen treffen und repräsentieren muss. Ich bin momentan allerdings froh darum, so einen im Verein zu haben. Das beste Beispiel für Clubs ohne funktionierendes Überwachungsorgan haben wir doch direkt nebenan. Die Blauen können von Glück reden, dass ihnen ein persönlicher Hopp zur Seite gehüpft ist und der Supergau gerade so verhindert werden konnte. Sowas brauche ich hier in Bremen definitiv nicht. Dann spare ich doch lieber hier und da und lasse den Verein von selbst gesunden.

Kommen wir zum Satz der Woche:
„Man muss auch mal ein gewisses Risiko gehen, um Erfolg zu haben!“
Dieser Satz zieht mir wahrlich die Schuhe aus. Denken Werderfans mehrheitlich wirklich so? Wenn ja, dann frage ich mich, was aus uns geworden ist. Haben wir denn die eigene Geschichte komplett vergessen? Ein paar Jahre ohne CL und Titelkampf und schon werden neben Investoren auch vollkommen neue Vereinsgrundsätze gefordert. Risiko gehen, um Erfolg zu haben. Schauen wir doch mal in die Vergangenheit und sehen nach, welche Risiken Werder in den wirklich fetten Jahren von 2003 an gegangen ist:
2002/2003 holte Werder einen gewissen Johan Micoud ablösefrei vom AC Parma. 2003/2004 lotste Werder Valerien Ismael für ca. eine Million Euro an die Weser, welcher später für knapp 8,5 Millionen Euro an die Bayern verkauft wurde. In diese Reihe gliedern sich Miro Klose (~10 Millionen Euro Gewinn), Mesut Özil (~ 13 Millionen Euro Gewinn) oder Diego (~21 Millionen Euro Gewinn) ein. Klar, die haben auch ihre fünf Millionen Euro gekostet. Aber in welchem finanziellen Rahmen hat sich Werder damals denn bewegt? Zu Zeiten von CL und Meisterschftsambitionen rollte der Rubel beim SVW. Da hätte Werder auch ganz andere Summen bezahlen können. Haben sie aber nicht, da das Risiko überschaubar gehalten werden sollte.
Die oben genannte Aussage, um erfolgreich zu sein, müsse man Risiken eingehen, ist also am Beispiel „Werder Bremen“ widerlegt worden (der Satz macht mir echt Spaß!).
Ich würde es begrüßen, wenn sich alle Werderfans mal wieder darauf zurückbesinnen, welchen Verein wir eigentlich unterstützen, wieso wir das tun und was Werder Bremen in der nahen Vergangenheit erfolgreich gemacht hat. Nämlich das etablieren von Spielern, die eigentlich niemand auf dem Zettel hatte. Wieso freut sich niemand mehr über einen ablösefreien Hajrovic? Nur, weil Ruiz nicht kommt? Was ist mit Bartels und Galvez, die ebenfalls das Zeug zum Stammspieler haben? Das sind Leute, die für wenig bis gar keine Ablöse am Weserstadion angelegt haben und irgendwann einmal für nette Ablösesummen davon segeln können. Genau das ist doch Werders Erfolgsrezept gewesen. Scheinbar versucht man sich auf höchster Ebene auf diese Grundsätze zurück zu besinnen. Wem das nicht passt, der muss sich wohl oder übel einen anderen Verein suchen, denn genau das ist der Grund, weshalb Werder Bremen ein so viel geilerer Haufen ist als der HSV. 

Cheers.

Kommentare:

  1. Ein sehr guter Beitrag! Oder um es in deinem Stil auszudrücken: Wenn Werderfans mehrheitlich SO argumentieren, können wir stolz auch auf die Anhängerschaft sein. Aber...

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  2. Aber trotzdem stimme ich diesem ausgewogenen Beitrag nicht in allem zu: Waren es nicht auch durchaus beachtliche finanzielle Risiken bei Klose und vor allem Özil? Oder noch mehr bei Wesley, Alberto etc.? Klar waren die Kassen damals praller, aber man war in Anbetracht der Konkurrenz auch bereit, mehr zu wagen. Sollte man das nicht ab und an weiter tun? Hinzu kommt der nicht unerhebliche Faktor Image. Gerade ein vermeintlicher Underdog aus Costa Rica, wenn auch

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    1. Gebe ich dir Recht, sehe aber das Risiko in Relation zum damals verfügbaren Budget geringer an als jenes, welches ein Ruiz-Transfer mit sich bringen würde.
      Danke für die Kritik. Sachlich, immer gern gesehen :-)

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  3. hochbezahlter WM-Profi, hätte Werder 2014 doch mal wieder sehr gut zu Gesicht gestanden (neben der m.E. natürlich auch sportlichen Aufwertung). Das ist für Sponsoren/Investoren bedeutsam, aber doch auch für uns Fans nicht ganz unwichtig. Wir wolen doch auch Typen, am besten sympathische. Da wäre Ruiz doch in jeder Hinsicht ein Volltreffer für uns! Aber im Ergebnis bin ich wieder bei Dir: Ruhiges, sachliches und vernünftiges Handeln, das sollte unseren Verein (weiter) auszeichnen!

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  4. Crowdfunding für Ruiz bzw. die Reduzierung des diesjährigen Verlustes.

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  5. Manches sehe ich ähnlich vieles nicht! Die Haupt Botschaft ist hier doch. Sagen alle A sag ich B und bin ja so toll!

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  6. irgendwie widersprichst du dir ja hier komplett, wenn ich mal deinen letzten eintrag lese, wo du lemke auf knien bittest, doch unbedingt das geld für ruiz lockerzumachen ;-) jetzt haust du auf alle drauf, die lemke nun kritisieren, weil er dieses risiko NICHT geht... so gaaaaaanz leicht widersprüchlich liest sich das dann doch

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    1. Davon ausgehend, dass das Geld vorhanden ist, "bat ich ihn auf Knien", Ruiz zu holen. Korrekt. Nun, nach der AR-Sitzung und in dem Wissen, dass die Kohle nicht da ist, sieht das Ganze komplett anders aus.

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