Dienstag, 10. Februar 2015

Wunder aus der Tüte

Wie viel Kopfzerbrechen hat uns Werder Bremen in den letzten Jahren bereitet? Wie oft hockten wir vor den Geräten, standen oder saßen im Stadion und konnten nicht glauben, dass das dort auf dem Rasen unser geliebter SVW ist? Ich erinnere mich an Auswärtsfahrten, die man sich hinterher nur schönsaufen konnte. Ich erinnere mich an Heimspiele, da hat nicht einmal der Alkohol helfen können. Am Sonntag gegen Leverkusen stand ich wieder im zweiten Wohnzimmer und wollte meinen Augen nicht trauen. Konnte das wirklich real sein, was da gerade passiert?

Werder Bremen - die Wundertüte. Jahre lang wurde der Verein, den ich so sehr liebe, mit genau diesen Worten beschrieben. Ich weiß bis heute nicht, ob ich deshalb schelmisch grinsen oder komplett verzweifeln soll. Ich denke, dass es die Mischung ist, die unseren Verein so einzigartig macht. Vor ein paar Jahren noch, kam ein Gegner wie Hoffenheim oder Wolfsburg an die Weser und du wusstest genau: Das kann heute ein 6:0 Sieg oder eine 3:4 Niederlage werden. Whatever, Werder eben.
Heute sieht das Ganze ein bisschen anders aus. Die 6:0 Heimsiege sind lange passé. Und so gern ich mich auch an Spiele wie Bielefeld (8:1), Hamburg (6:0) oder München Auswärts (2:5) erinnere, ich würde genau heute nicht mit der Zeit von damals tauschen wollen. Denn der Sieg, den wir am Sonntag gegen Leverkusen eingefahren haben, fühlt sich genau jetzt gut an. Der fühlt sich so unheimlich richtig an. Werder ist an einem Punkt angekommen, den es braucht, um wieder in die Spur zu finden. Werder hat sich selbst wiedergefunden. Und das sage ich hier und jetzt mit aller Deutlichkeit und Gefahr laufend, die Kirche aus dem Dorf zu brüllen: Wir sind wieder da - zieh dich warm an, Bundesliga.

Genug gebrüllt. Werder besiegt Leverkusen verdient mit 2:1. Trotz großer Pillen-Überlegenheit in Halbzeit zwei, haben wir am Ende zurecht gewonnen. Warum? Weil wir gekämpft haben. Weil jeder sehen konnte, dass die Mannschaft zwischendurch mal platt war und dass sie dann am Ende wiedergekommen ist. Als Abstiegskandidat spielst du halt nicht 90 Minuten Knallgas-Fußball gegen einen CL-Aspiranten. Wie auch? Der wird dich irgendwann über den Haufen laufen - klare Sache. Aber Werder hat das mit ordentlich Einsatz und dem Glück des Tüchtigen überstanden und am Ende wieder den nötigen Druck ausgeübt, um Leverkusen in die Knie zu zwingen. Und wenn der Schieri abpfeift und du am Ende ein Tor vorne bist, dann hast du auch zurecht gewonnen. Basta.

Die Zitronenmänner aus Leverkusen haben zweifelsohne ein gutes Spiel gemacht, aber das reicht eben momentan nicht, um drei Punkte aus Bremen zu entführen. Werder stemmt sich dagegen, will das Spiel gewinnen. Das merkt man in jeder Sekunde. Und Werder kann Fußball spielen. Herr im Himmel, wann haben wir zuletzt ein so fantastisch herausgespieltes Tor gesehen, wie jenes zum 1:0? Fritz düpiert hinten zwei Mann mit einer einfachen Finte, Bartels und Juno spielen tiki-taka à la FC Hollywood und Selke zimmert das Ding kaltschnäuzig ins Glück. Ich mein: Hallo? Mannschaft da unten? Wer bist du und was hast du mit Werder gemacht? Es war zum Dahinschmelzen. Die Kurve singt von Europa - zugegeben, etwas früh, bei solchen Toren jedoch angemessen - und grün-weiß zeigt der Bundesliga, dass auch im Norden gezaubert werden kann.

Nach der spielerisch durchwachsenen zweiten Halbzeit und dem vierten Sieg in Folge ist es an der Zeit, ein kleines Résumé zu ziehen.
Hertha, Hoffenheim, Leverkusen und vor der Pause noch Dortmund. Vier Spiele, die gar nicht mal so machbar klingen, für einen Abstiegskandidaten. Umso schöner, dass Werder alle vier Spiele gewinnt. Und das auch zurecht. Schon gegen den BVB konnte man sehen, wohin die Reise geht: Werder will die Spiele nicht mit Schönspielerei gewinnen. Die Gegner sollen nicht vorgeführt werden - ganz im Gegenteil: Werder will den Kampf. Die Jungs haben Spaß an der dreckigen Grätsche nach zwei Metern Anlauf. An "hinten dicht und vorne nerven" - und nur so geht es. Werder hat keinen Reus, keinen Schürrle oder Götze im Mittelfeld. Brauchen wir momentan auch gar nicht. Denn die Einheit Werder Bremen ist viel stärker, als es ein Einzelspieler jemals sein könnte. Die Jungs haben ihre Rolle in der Liga gefunden und spielen die Karte des "Krisengebeutelten SVW" super aus. Resultat: Tabellenplatz 8, sieben Punkte auf den Relegationsplatz. Zwar ist das noch lange kein Freifahrtsschein, aber immerhin ein kleines Polster.

Während ich das hier schreibe, funkeln mir immer wieder Bilder von Sonntag im Kopf herum. Ein seliges auf und ab Gehüpfe war es in der Kurve, als Juno zum 2:0 einschlenzt. Und ein Gefühl im Bauch, dass ich lange nicht mehr hatte. Da war so viel Freude, dass eine Mannschaft wie Leverkusen phasenweise völlig chancenlos agierte, dass ich kaum einen Ton herausbekam.
Nach einer so furiosen ersten Hälfte, verzeihe ich meinem Verein auch das große Zittern in Halbzeit zwei. Das war ja auch irgendwie schön. Die Hände beinahe durchgehend vor den Augen, zwischendrin mal umdrehen, nicht hingucken wollen. Das ist es doch, was eine Wundertüte ausmacht. Klar, ein 2:2 am Ende wäre super bitter gewesen und hätte der riesigen Euphorie einen kleinen Abbruch getan. Aber Werder 2015 gewinnt solch ein Spiel dann eben und lässt die Anderen ohne Punkte nach Hause fahren.

Um das Ganze hier nicht zu überschwänglich werden zu lassen, beende ich mal lieber. Ich bin ganz begeistert davon, wie sich unser SVW momentan präsentiert und freue mich tierisch, dass wir endlich wieder ein ernstzunehmender Gegner sind. Und ich ärgere mich ein wenig, dass am Samstag 'nur' Augsburg, und nicht der FC Bayern an die Weser kommt ;-). Trotzdem, oder gerade deshalb, müssen wir am Wochenende wieder voll da sein. Sowohl auf, als auch neben dem Platz. Denn die Saison ist noch lange nicht vorbei, Werder noch nicht gerettet und meine Lust auf mehr längst nicht gestillt.

Bis dahin,

NUR DER SVW <3

1 Kommentar:

  1. Schöner Kommentar! Ging mir am Sonntag auch so, gerade in HZ zwei…

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